Und dann plötzlich: Angela Merkel auf der Videowand.
Gottverfluchtes Nato-Dingens. Unser aller Held wohnt auf der einen Seite des "Diplomatenkorridors", der Supermarkt ist, klar, im Block gegenüber.

Ein Feeling wie Hausparty / Josephskeller, nochmal 16, Beanbags und Drum'n'Bass. Cool Cat Club, Lipscani-Viertel.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, "Nomenklatura" nachzuschlagen. Oder es zu wissen, für die prä-Wikipedia Generation. In den Hinterhöfen wohnen Roma in den Ruinen der Villen. Und nein, keine Mietminderung für 50m Werbung vor allen Fenstern der Wohnung.

Wir hatten Karl den Großen, Calvin und nach den nackten Kirchen irgendwann kleine fette Barockengel, hier stundenlange Liturgien, Symbolismus und jeder Quadratzentimeter bemalt. Und in den Untiefen des Internets nackte blondgelockte russische Mädchen mit Blumenkränzen bei irgendwelchen Seetaufen. Konvertieren bitte hier, danach bei jedem Passieren jeder Kirche dreimal bekreuzigen. Auch im Bus. Auch am Steuer.

Zu verkaufen. Gut erhalten seit 1968. Wir nennen es Dacia 1100. Bei Interesse bitte an die blaugrüne Blechplatte rechts klopfen, Rückwand der Besitzerhütte.

Piata Unirii mit ausnahmsweise angeschalteten Brunnen, weil Angela Merkel und Putin. Nächste Woche hier wieder Betonwüste, die gestern gepflanzten Blumen dann bündelweise bei den alten Romafrauen am Straßenrand zu kaufen.
Samstag:
Aufmarsch der rumänischen Neonazi-Szene am Piata Universitatii. Erst befremdliches Empfinden ob südländischer Faschisten, dann Erinnerungen an die Eiserne Garde und Rumäniens Beitritt zu Antikommintern.
Sonntag:
Bujinkan-Training in Bukarest. Allerdings im Crângaşi Distrikt nahe der Semănătoarea Metro Station. Von Occidentului dorthin läuft man bequem in einer halben Stunde, wenn man keine Angst vor streunenden Hunden hat, oder den längeren Weg mit weniger Hunden in einer Stunde. Auf dem kurzen Weg hin von einem Auto absichtlich nass gemacht worden, mit ordentlich Schmackes einen Schlenker in die Riesenpfütze. Der Stein war, wie am Tag zuvor bei den Zigeunerkids gesehen, in sekundenschnelle in der Hand, aber Mum wäre nicht stolz auf unseren Helden, und ausserdem hätte nach der zertrümmerten Heckscheibe der einzig sinnvolle Fluchtweg ins Brachland geführt, wo die Hunde wohnen. Also Stein wieder fallen gelassen und schlammverkrustet ins Training.
Dort dann für blutige Lippen gesorgt und generell guten Eindruck hinterlassen, der Hunde wegen den langen Heimweg, Maxi Salat bei McDonalds, weil Hunger und Sonntag.
Montag:
Kein Litho-Kurs. Weil Professor zu tun hat (Bier trinken) und sein Assistent nichts ohne ihn tun darf. Statt dessen Bogdan beim Drucken geholfen, selbst 2 Grafiken gedruckt und von der Damenwelt in Gesprächen vereinnahmen lassen. Abends norwegisch mit Matei und Ioana.
Tagsüber ebenfalls mit ein paar Studenten über den Nazi-Aufmarsch gesprochen. War den meisten eigentlich egal, nur einer wusste davon, also sprachen wir darüber, bis sich dann, Sprachbarriere, herrausgestellte dass er dachte ich hätte ebenfalls _teilgenommen_, unser aller Held hingegen dachte er sei ebenfalls _entsetzt_ darüber. Den aufkommenden Streit dann rumänisch geschlichtet durch die anderen Studenten, hier ist natürlich keiner Nazi oder so, aber die Ungarn gehören definitiv raus aus dem Land. Was über die Zigeuner gesagt wurde bleibt besser unwiederholt.
Dienstag:
Kein Litho-Kurs. Die ganze Woche nicht, weil Meeting. Klar. Wollte drucken, dann aber Schnauze voll von dummer Uni, dann trotzdem gedruckt, dann auf dem Weg zum Dojo gesehen wie ein alter Mann mit Stock überfahren wurde. Beinbruch, aber am Leben. Komplett suizidal an dieser Stelle die 6 Bahnen der Straße überqueren zu wollen. Zuerst wollte niemand ausser mir helfen, dann plötzlich alle, im Handumdrehen ein Menschenpulk und wüste Beschimpfungen.
Unser aller Held ist für nordische Kälte und Kühle gemacht, nicht für hitzige Temperamente. Der alte Mann wurde übrigens erstmal auf die Beine gezerrt, bis dann klar wurde, dass das mit dem Bein so nichts wird. Man schütze sich vor Autos und Unfallhelfern.
Mittwoch:
Lange geschlafen weil erst um 05h ins Bett, weil Ioana und Anamaria und drei andere junge Damen unseren Helden gen ihr Zimmer entführt hatten, und später auf dem Gang Gesprächsrunde, wegen der Mitbewohnerinnen. Deswegen übermüdet in Anatomie gesessen, auf Rumänisch, Muskeln und Schädel zeichnen, vier Stunden lang. Später zur Belohnung und weil Mensa zu Salat bei McDonalds. Keine Küche zu haben macht keinen Spass.
Zwischen Sonntag und Mittwoch ein paar Mal einkaufen gewesen, auch an ein paar "geh da nicht hin" Orten. Unter anderem beinahe einen EKA (Einsatzstock, kurz, ausziehbar) erstanden, dann aber doch das chinesische Billigmodell genommen. Und das schönste - ein Butterfly mit Fingerringen. Geburtstagsgeschenke für Damien.
eigenes, 4qm. Aber Zimmer. Ausserdem viel Arbeit an der Uni, wenn selbige offen. Unzufrieden ueber keine Kueche, keinen Kuehlschrank und so weiter, weil eigentlich Lust auf gesunde Ernaehrung. Ausserdem Kampfkunst, weil notwendig fuer inneres Seelenheil, und fuer Courage in Sachen Hundemeuten.
Andererseits - die meisten Hunde trifft man, jetzt da ich am Rande des Zentrums wohne, auf dem Weg zum Dojo.
Turbokapitalismus kennt keine Gnade, die Krueppel betteln zwischen den Maseratis, gestern auf dem Weg zu Piata Unirii gesehen, wie drei Zigeunerfrauen in sekundenschnelle die Auslagen einer Pastiserie gepluendert haben. Dennoch alles in allem bisher keine Probleme, mich zweimal in Gegenden verlaufen vor denen mich meine rumaenischen Freunde gewarnt haben, beide Male in nach 2 Strassen gemerkt warum, aber beide Male mit den Augen abgewogen und dann in Ruhe gelassen worden. Fuenf Strassen weiter isst das Establishment drei mal am Tag bei McDonalds.
Kopf voller Ideen fuer Grafiken, momentan hindert mich die Uni mehr als dass sie foerdert, die Schluessel zu saemtlichen Werkstaetten habe ich schon, allerdings bekommen normale Studenten solche Zuwendungen nicht, deswegen ist mir noch schleierhaft, wie ich dort arbeiten soll ohne eine Menge Menschen vor den Kopf zu stossen. Wir werden sehen.
Post und Buettenpapier an:
Name
Camin Arte
Str. Occidentului Nr. 18
Sector 1
Bucuresti
Oficiu Postal Nr. 12
Romania
Mission fuer die naechsten Tage: Das in mein Zimmer fuehrende LAN-Kabel aktivieren. Training Dienstag Freitag Sonntag, Anatomie-Kurs jeden Mittwoch, Samstag Kultur, letzte Woche Oper (Faust), diese Woche evtl. Juedisches Theater Bukarest, auf Yiddisch.
Habe beide Mobiltelefone an, Empfang kostenlos, daher Texte gerne an die deutsche Nummer. :)
Werde einen eigenen Fotoblog für Buc starten, würde den Rahmen von slurmfactory.com oder larvenstadium.de sprengen.
Kondensierte Texteinträge über meine neue Heimat sähen vermutlich so aus:
Hunde
Müll
Korruption
Irrsinn
Straßenkinder
unbezahlbare Wohnungen
Verfall
Monunmentalbauten
Schleichwege
alte Herren mit perfektem Deutsch
Lieblingsmoment heute war die 15minütige "Verhandlung" in Schreilautstärke bezüglich der Registrierung unseres Helden als ersten Erasmus-Studenten der Kunsthochschule. In so einem Sonderfall kann man es natürlich nicht so wie immer machen, und die einzig vernünftige Alternative zu "so-wie-immer" lautet natürlich "nu". Da kann der Dekan toben so viel er will, nu bleibt nu, sagt die Sekretärin, und das Immatrikulations-Klassenbuch bleibt zu.
Ein paar Anrufe von beiden und eine lange Zeit später dann eingeschrieben als Patric David. Kurz überlegt, Diskussion hier erneut oder kleine Bestechung am Schalter, weil Name auf Pass und Studentenkarte nicht übereinstimmen, Ohren und Geldbeutel konsultiert und auf das Klingeln in Ersteren gehört, es ergo dabei belassen.
Karte von Anca ausgehändigt bekommen, von Maia wieder abgenommen, zwei Stockwerke und ein Büro weiter, der oben geschlossene Kompromiss "ERASMUS" als Matrikelnummer zu verwenden wirft Probleme auf, Zweifel können aber mit nur einem Anruf beseitigt werden, trotzdem wird die Karte jetzt Maia weggenommen, Xerox darf nur die Frau vom Büro.
Sehr viel später bekommt unser Held eine Karte mit seinem Foto und einem fremden Namen darauf in die Hand gedrückt, wofür hat er längst vergessen, aber schon gelernt keine Fragen zu stellen.
Ausserdem habe man für ihn einen Grafikprofessor organisiert, dies sei er. Ein freundliches "Nice to meet you" später ein Blick als Antwort, und die hilfreiche Soufflage, dass er heute keinen guten Tag habe von Maia. "Kein Problem", sagt der Held, "dann eben morgen". - "Haha, er ist schnell!" lacht vom Schreibtisch nebenan der alte Lektor mit Zigarette und gedrehtem Schnäuzer, zündet sie sich an, deutet zwinkernd auf das Rauchverbotsschild und sagt "Verrr-boten!"
Ausserdem: Rumänische Kantinen, ein Zimmer für 15 Euro am Mittwoch, siebzig Minuten für vier Kilometer Bus und in zwei Wochen Verdi in der Oper.
Alles was Damien bereits sagte, und mehr.
Wenn Du nur mehr wie Sanne aussehen würdest, oder Sina, Baby, Du hättest Chancen.
Durch die Buchläden des Landes, Damien mit Skinhead-Jacke, Boots und kurzen Haaren, unser aller Held mit brutalem Crew-Cut, besticktem Sakko und grauen Trainingshosen. Wäre eigentlich ein Foto wert gewesen, statt dessen haben wir nur den Müllsee in Ludwigshafen fotografiert, im Buchladen anwesende Verkäuferinnen durch Eloquenz und Kaufkraft (Kaufkraft!) bezaubert, im Tankhof mit der Bedienung angebändelt, erfahren dass sie eine Tochter hat und deswegen auch mit uns beiden im Doppelpack gut klarkommt.
Im Ludwigshafener Burger King zwar klar nach Punkten verloren, dafür heute aber Damien beim Trinkgeld überboten. Ich dachte, es wäre eine Auktion :)
Fast den ganzen Tag über Nullsleep im Auto, Nostalgie beim Gedanken an das legendäre "Yoshi's Story für Damien" Mixtape, damals direkt vom N64 auf Kassette ins Auto. Schuld an allem, auch am Yoshi's Story Mixtape von 2000 - Laurabear.
Licht unserer Nächte.
Gestern Mainz, [17grad] und Nectar in der Dombauhütte, nachts mit Gosh am AKW.